Wie gelingt Integration? – Ein Forschungsbericht

Flüchtlingspolitik erfordert belastbares Wissen über die Lebenslagen von Geflüchteten. Die Sicht der Betroffenen kommt dabei meist zu kurz. Um das Asylsystem zu verbessern und passende Maßnahmen zur Förderung von Integration und sozialer Teilhabe zu entwickeln, ist die Perspektive der Geflüchteten jedoch entscheidend.
In der Studie „Wie gelingt Integration? – Asylsuchende über ihre Lebenslagen und Teilhabeperspektiven in Deutschland“ vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration werden die Sichtweisen und Erwartungen Geflüchteter in Bezug auf ihren Wohnort, Zugang zu Arbeit und (Aus-)Bildung, Perspektiven und sozialer Teilhabe analysiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet.

In den 62 qualitativen Interviews, die im Frühjahr 2017 mit Geflüchteten mit unsicherem Aufenthaltsstatus geführt worden sind, zeigt sich, dass fast alle Neuankömmlinge möglichst sofort arbeiten wollen, gleichzeitig jedoch der Wunsch nach Qualifizierung besteht. Die schnelle finanzielle Unabhängigkeit steht somit im Spannungsfeld mit klassischen Weiter- bzw. Ausbildungsprogrammen. „Um dieses Spannungsfeld aufzulösen, braucht es flexible Strukturen. Die Maßnahmen, die den Zugang zu Arbeit, Ausbildung und gesellschaftlicher Teilhabe insgesamt fördern, müssen zu den individuellen Lebenslagen der Flüchtlinge passen. Sonst greifen sie nicht.“ so Dr. Jan Schneider, der Leiter des SVR-Forschungsbereichs, in einer Pressemitteilung vom 23.November 2017. Denkbar wären modulare Angebote und Teilzeitvarianten.

Neben flexiblen Strukturen und passgenauen Maßnahmen für den Zugang zu Bildung und dem Arbeitsmarkt, so zeigt die Studie, sind auch persönliche Begegnungen und zwischenmenschliche Kontakte von zentraler Bedeutung für Integration und Teilhabe. Ein allgemeines Klima der Offenheit und nicht „flüchtlingsspezifische“ Integrationsprogramme seien wichtig, um eine stärkere Einbindung von Geflüchteten in bestehende Gemeindeleben zu erzielen.

Dass Geflüchtete an ihren Wohnorten wirklich ankommen und bleiben, liegt auch in der Verantwortung der Städte und Kommunen. Neben indirekten Maßnahmen struktureller Integration wie Förderung des Spracherwerbs und kultureller Teilhabe sollten abgelegene Gemeinschaftsunterkünfte sozialräumlich inklusiven Unterbringungsformen weichen, seit Jahren eines der Kernanliegen von Home not Shelter! Ein partizipatives Gestalten von Flüchtlingsunterkünften sichert die Bedürfnisbefriedigung und beugt Konflikte mit Anwohnern vor. Wenn die Bedingungen stimmen, können Geflüchtete auch jenseits der großen Städte heimisch werden. Bei ihrer Ankunft, so zeigen die Interviews, stehen Geflüchteten auch kleineren Kommunen offen gegenüber. Rasche und umfangreiche Investitionen in sozialen Wohnungsbau, sowohl für Ansässige als auch für Geflüchtete sind notwendig.

Dr. Schneider empfiehlt außerdem, die rechtlichen Rahmenbedingungen den Erfordernissen anzupassen: „Deutschland sollte den Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte (…) wiedereinführen und die Aufenthaltssituation der Flüchtlinge schneller klären.“ Durch den Bundestagsbeschluss vom 1. Februar 2018, bleibt der Familiennachzug nach Deutschland zu Flüchtlingen mit eingeschränktem Schutzstatus jedoch bis zur Schaffung einer neuen Regelung im August 2018 weiterhin ausgesetzt. Die künftige Regelung soll dann einen gestaffelten Nachzug aus humanitären Gründen ermöglichen. Anstatt die Asylverfahren zu beschleunigen muss demnach weiterhin mit erheblichen Belastungen der Behörden und Gerichte gerechnet werden, diese werden zu klären haben, ob den Betroffenen Geflüchteten nicht der „volle“ Flüchtlingsstatus zu erteilen ist und in welchen Fällen „humanitäre Gründe“ oder gar Härtefälle vorliegen.
Aufklärung über den Ablauf und Stand des Asylverfahrens sowie über Teilhabeoptionen macht Flüchtlinge nach wie vor handlungsfähig, diese Fähigkeit gilt es laut Schneider zu erhalten und zu fördern.

Welche Wege letztlich zu gesellschaftlicher Teilhabe führen ist nicht verallgemeinerbar, denn den einen Geflüchteten gibt es nicht. Flexible Strukturen und anpassbare Angebote sind deshalb umso wichtiger – auch im integrativen Wohnungsbau.

Zur Studie geht es hier.

Zur Pressemitteilung vom 23. November 2017 geht es hier.

Zu den Ergebnissen des Bundestagsbeschlusses vom 1. Februar 2018, Thema Familiennachzug, geht es hier.

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