Der werkraum: Selbstbau und kollaborative Gestaltungsprozesse als neue Wege des interkulturellen Miteinanders

Mit Sitzbänken und Hochbeeten werden die Außenbereiche der Unterkünfte gestaltet, um sie zu Aufenthaltsorten zu machen (Foto: Barbara Lersch).

Der werkraum entstand aus einer Kooperation der Hans Sauer Stiftung mit der Akademie der Bildenden Künste München. Ziel ist einerseits ein Beschäftigungsangebot für die BewohnerInnen zu schaffen, andererseits die bestehende Infrastruktur in Asylunterkünften durch die gemeinsame Gestaltung aufzuwerten. Darüber hinaus soll der werkraum den Teilnehmenden auch berufliche Perspektiven eröffnen, indem sie handwerkliche Qualifikationen erlangen und diese nach einer regelmäßigen Teilnahme auch bescheinigt bekommen.

 

Lädt zum Nachmachen ein: Die werkraum-Bank (Foto: Barbara Lersch).

Die Initiative geht auf eine – zunächst als einmalig konzipierten – kollaborative Möbelbau-Aktion von Studierenden und Geflüchteten im Februar 2016 zurück. Nach zahlreichen positiven Rückmeldungen wurde beschlossen, die Initiative als regelmäßiges Angebot zu etablieren. Der werkraum fand zunächst in einer provisorischen Unterkunft für bis zu 1000 geflüchtete Personen sein Zuhause, die sich in einem ehemaligen Autohaus mitsamt Werkstätten befand.

Die Ausstattung war notdürftig und reichte gerade aus, um die grundlegendsten Bedürfnisse zu decken: Schlafen, Essen und Waschen. Darüber hinaus gab es keinen Raum, um sich aufzuhalten oder auszutauschen. Das Potential für Verbesserungen war also groß. Im März 2016 entstanden in einer der leer stehenden Werkstätten in einem kollaborativen Bauprozess Sitzgelegenheiten für den Außenraum, Fußballtore, Regale und andere bis dahin fehlende Einrichtungsgegenstände.

Anfang 2017 wurde der werkraum Nr. 2 auf 64m² Arbeitsfläche mit zwei großen Arbeitsbänken und verschiedenen Handwerkzeugen eingerichtet (Foto: Barbara Lersch).

Es bildete sich zunehmend eine feste Gruppe, die das Angebot des werkraums in Anspruch nahm. Nach vier Monaten schloss die Unterkunft wieder, die Idee des werkraums wurde aber nicht aufgegeben und Anfang 2017 erneut realisiert.

In einer Unterkunft im Münchner Süden öffnet der werkraum nun jeden Freitag für vier Stunden seine Türen. Der Alltag des werkraums ist geprägt von Unvorhersehbarkeit: wer kommt, wie viele kommen, wo geht es hin, was wird gebraucht und wie wird es realisiert? Es bleibt spannend!

Auch mit im Repertoire: Die werkraum-Garderobe (Foto: Barbara Lersch).

 

Das werkraum-Team beim Ausbau einer Turnhalle (Foto: Barbara Lersch).

 

 

Integratives Wohnen in der Praxis: Zu Besuch im YIL München

Am 23. März 2017 war die Hans Sauer Stiftung, Kooperationspartner im Home not Shelter!-Team, zu Gast in der Diakonie-Einrichtung Young Independent Living (YIL) im Münchner Osten.

Das YIL befindet sich in einem ehemaligen Apartment-Hotel, welches aus zwei Häuserblocks und einem großen Garten mit Fussball- und Grillplatz besteht. Die Einrichtung des Hotels wurde zu großen Teilen übernommen und macht die Atmosphäre der Räumlichkeiten aus.

Das Angebot des sozialpädagogisch begleiteten Wohnens richtet sich gleichermaßen an junge Erwachsene mit und ohne Fluchthintergrund. Die Belegung der Zimmer ist mittlerweile zum größeren Teil erfolgt. Hier einige Impressionen des Besuchs:

 

 

Weitere Wohnideen für Geflohene: From Border to Home

Nach einem 2015 ausgeschriebenen Wettbewerb zu temporären Wohnformen für Geflohene stellte der finnische Pavillon auf der Biennale 2016 in Venedig die Gewinner und vier weitere interessante Ideen vor. Archdaily gibt einen Überblick über die Entwürfe. Zentral scheint die Nutzung bestehender Gebäude sowie der Aspekt der Vernetzung.

Die Gewinner Society Lab aus Italien (Cecilia Danieli, Omri Revesz, Mariana Riobom) schlagen vor, Besitzer_innen von leerstehenden Häusern mit Asylsuchenden schon vor deren Ankunft über eine Datenbank zu vernetzen und so die zahlreichen leerstehenden Häuser in Helsinki als Unterkünfte zu nutzen.

Society Lab ermöglicht mit der Nutzung von Leerstand die Integration Geflohener in bestehende Nachbarschaften und vermeidet unnötigen Neubauten (Quelle: archdaily.com)

Die deutschen Gewinner Enter the Void (Duy An Tran, Lukas Beer, Ksenija Zdesar, Otto Beer) schlagen eine stufenweise Nutzung leerstehender Bürogebäude vor. Diese könnten zunächst als Notunterkünfte genutzt werden und dann schrittweise zu öffentlichen Orten wie Bildungszentren in den unteren Stockwerken und privaten Wohnungen in den oberen Stockwerken umgebaut werden.

Die schrittweise Umgestaltung von Bürogebäuden zu einer Mischung aus privatem und öffentlichem Raum ermöglicht den Austausch der Bewohner_innen mit dem sozialen Umfeld (Quelle: archdaily.com)

Enter the Void erinnert an den Home not Shelter! -Beitrag „LEERSTAND GESUCHT“, der ebenfalls auf die Umnutzung bestehender Bürogebäude zu Wohnhäusern abzielt. Mit der Idee des Eigenbaus soll dabei zudem individueller Gestaltungsfreiraum geschaffen werden. Als erstes Home not Shelter! – Projekt wurde das Hawi in Wien in einem ehemaligen Bürogebäude realisiert und wird bereits von jungen Geflüchteten und Studierenden bewohnt.

Als dritter Gewinner wird der finnische Entwurf We House Refugees (Milja Lindberg und Christopher Erdman) vorgestellt. Vernetzung und Einbettung sollen hier durch flexible und staatlich subventionierte „Donor Apartments“ ermöglicht werden, die bei Bedarf in zwei – unabhängige aber verbundene – Apartments umgewandelt werden können und so einen Lebensraum für Geflohene bieten. Während das Apartment nicht benötigt wird, kann es als Teil der übrigen Wohnung genutzt werden.

Die „Donor Apartments“ ermöglichen eine flexible Nutzung – in Zeiten des Bedarfs werden sie zu einem Wohnraum für Geflohene, ansonsten stehen sie den Mietern frei zur Verfügung (Quelle: archdaily.com)

Die drei Gewinner legen damit spannende Ansätze vor, die es vermögen, über eine Unterbringung hinaus Vernetzung und die Einbettung in Nachbarschaften zu ermöglichen.

Ein verwandtes Projekt: Das Hoffnungshaus

Die Hoffnungsträger Stiftung entwickelt mit dem Hoffnungshaus eine Initiative für integrative Wohnformen für Menschen mit und ohne Fluchthintergrund. Auf der Grundlage modularer Bauweise aus Holz sollen schnelle, flexible, nachhaltige und reproduzierbare Hoffnungshäuser entstehen, die sozialen Austausch ermöglichen. Darüber hinaus sollen Fachkräfte und Ehrenamtliche das Ankommen unterstützen. Das Angebot der Hoffnungshäuser richtet sich an unterschiedliche Interessenten, wie zum Beispiel gemeinnützige Organisationen oder Kommunen. Derzeit entstehen bereits sechs Hoffnungshäuser in Baden-Württemberg, davon drei in Esslingen.

Die Hoffnungshäuser entstehen in modularer Holzbauweise (Bild: Hoffnungsträger)

Die Minimierung der Flurflächen soll maximalen Wohnraum ermöglichen (Bild: Hoffnungsträger)