Studie: Was macht das Engagement in der Flüchtlingshilfe aus?

Seit der Zunahme der Flüchtlingszahlen im Herbst 2015 haben 55% der Bevölkerung über 16 Jahren in Deutschland Flüchtlinge unterstützt. Aktuell sind noch immer 19% der Deutschen in irgendeiner Weise helfend aktiv. Die repräsentative Studie „Engagement in der Flüchtlingshilfe“, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt hat, zeigt, wer sich wie und warum für Geflüchtete einsetzt.

Die Situation im Herbst 2015 brachte einen erkennbaren Aktivierungsschub mit sich: Mit dem Wunsch Menschen in Not zu helfen, engagierten sich zahlreiche BürgerInnen zum ersten Mal in ihrem Leben freiwillig. Doch nach Bewältigung der drängendsten Probleme haben sich viele Ersthelfer wieder aus der Flüchtlingshilfe zurückgezogen. Aktive Flüchtlingshilfe leisten derzeit noch 11% der Deutschen, überwiegend durch Patenschaften oder durch die Unterstützung bei Behördengängen und beim Deutsch lernen. Die große Mehrheit der aktuell Aktiven wollen aber auch in Zukunft ihr Engagement weiterführen. Neben dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ist die Freude am Engagement für 93% der Befragten ein bedeutendes Motiv.

Foto: Nicole De Khors

Die Studie zeigt, dass sich die Flüchtlingshilfe deutlich von anderen Formen bürgerschaftlichen Engagements unterscheidet: Überdurchschnittlich häufig engagieren sich HelferInnen „auf eigene Faust“ (29%), sprich außerhalb von Organisationen, in der Nachbarschaft oder durch zufälliges In-Kontakt-treten. Meist wird diese informelle Art des Engagements von den UnterstützerInnen selbst nicht als Ehrenamt gesehen. Weitere 43% sind in Organisationen aktiv, die sich ausschließlich für Geflüchtete einsetzten. Mit ca. 5,5 Stunden pro Woche, investieren Freiwillige der Flüchtlingshilfe durchschnittlich 2,2 Stunden mehr Zeit in ihr Engagement, als in anderen Bereichen.
Im Allgemeinen kommen die HelferInnen meist aus höheren Bildungs- und Einkommensschichten, beherrschen Fremdsprachen, sind offen für Neues und interessiert an anderen Ländern und Kulturen.

Die Freiwilligen machen viele positive Erfahrungen: 67% berichten von positiven Reaktionen aus ihrem Umfeld, auch in Ostdeutschland und in ländlichen Regionen. 81% erfahren viel Dankbarkeit seitens der Geflüchteten und 60% geben an, neue Freunde gewonnen zu haben. Probleme entstehen, laut den Umfragen, überwiegend auf Grund von Bürokratie und Verständigungsproblemen.
Doch es zeigen sich auch Schattenseiten: Immerhin 24% der Freiwilligen seien wegen ihres Einsatzes angefeindet oder beleidigt worden. Zudem zweifeln 40% der Befragten an den Integrationschancen der Geflüchteten und 58% sind skeptisch, wenn es um die Integration in den Arbeitsmarkt geht.

Zur Studie

Nach einer Befragung kommunaler Leitungskräfte im Herbst 2015 wurde klar, dass die breite Unterstützung der Bevölkerung eine unverzichtbare Hilfe bei der Bewältigung der Flüchtlingssituation darstellt. Um das Engagement und die Entwicklung der Flüchtlingshilfen zu untersuchen, führte das Institut für Demoskopie Allensbach die dargestellte Studie durch. In einer ersten repräsentativen Umfragerunde wurde durch eine Bevölkerungsumfrage mit rund 1.400 Befragten ab 16 Jahren die Beteiligung an Flüchtlingshilfen erfragt. In einem zweiten Schritt wurde eine Stichprobe von 558 aktiven Helfern erfasst und im Sommer 2017 interviewt.

Den Ergebnisbericht der Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach über das Engagement in der Flüchtlingshilfe vom 07.02.2018 finden Sie hier.

ROC Toolkit 1.0

// Flüchtlingschance statt Flüchtlingskrise? Bitte Starten Sie Ihr System neu.

Das Team von Refugee Open Cities (ROC) setzt dort an, wo der Bedarf nach einer inklusiven Gesellschaft mit am größten ist: in Not- und Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete. In ihrem +100 Seiten starken, von der Hans Sauer Stiftung geförderten ROC Toolkit 1.0 und einem 15minütigen Dokumentarfilm zeigt ROC ein alternatives Betriebssystem für Flüchtlingsunterkünfte und welche Potentiale die Überbelastung des bestehenden Systems birgt.

Soziale und ökologische Probleme nehmen an Komplexität zu und in unserem bisherigen System entstehen immer mehr Risse, ohne Zweifel. Doch Systembrüche können als „Krisen“ verstanden, aber auch als „Chancen“ gesehen und genutzt werden. Das ROC-Team will durch Systembrüche geschaffene kreative Freiräume nutzen, um neue und partizipative Ansätze in die Praxis von Verwaltung, Politik und Wirtschaft zu bringen.

 

 

Der Prototyp „Das Dorf der Möglichkeiten“ ist ein erster Schritt in diese Richtung: In einer großen Notunterkunft in Berlin-Neukölln wurde im April 2017 eine leerstehende Kaufhausetage in ein inklusives Dorf umgestaltet. Ziel war die Entwicklung eines alternativen Betriebssystems für Flüchtlingsunterkünfte. Nach intensiver Recherche wurden in einem partizipativen Designprozess verschiedene Stakeholder wie Nachbarschaftsvereine, Geflüchtete, HandwerkerInnen und DesignerInnen, FreundInnen und BewohnerInnen als Protagonisten eingebunden und gemeinsam bedürfnisorientierte Lösungen erarbeitet. Eine wesentliche Rolle spielte im Projekt ein von ROC initiiertes einwöchiges Baufestival. Rund 150

Quelle: ROC

BewohnerInnen und 50 lokale Freiwillige haben die leerstehende Etage in ein gemeinschaftliches Dorf mit Frauenraum, Spielplatz, Teehaus, Marktplatz, Lernzentrum, Fitnessraum, Garten und Werkstatt verwandelt.
Die Vision wurde bestätigt, die Angebote angenommen und für begrenzte Zeit zeigte sich eine inklusive und interkulturelle Gemeinschaft, in der alle Beteiligten mit Freude ihre Zukunft anpackten.

Zwar wurde das Dorf auf Grund unerwarteter Brandschutzauflagen und unklarer Verantwortlichkeiten letztlich nie eröffnet, dennoch sei es nicht gescheitert: Aus dem Prototyp entstand nicht nur ein neuer Systementwurf für „Flüchtlingsunterkünfte mit Seele“, sondern im Frühjahr 2018 auch ein Toolkit, dass die Erfahrungen zusammenfasst und für andere schnell und bedarfsgerecht als Open Source verfügbar macht.
Das ROC Toolkit 1.0 adressiert sich vor allem an BetreiberInnen von Unterkünften, Projekt- und EventmanagerInnen in der Inklusionsarbeit und Behörden für Migration und Integration. Neben der Erfahrung aus dem Prototypen, werden entwickelte Grundprinzipien inklusiver Arbeit dargestellt und letztlich anwendungsbezogene Methoden vorgestellt:Moderationstechniken, Team- und Event-Management, Techniken der Kommunikation und Organisation eines Baufestivals und weiteres Handwerkszeug für Visionäre.

Zur Homepage von ROC mit dem 15minütigen Dokumentarfilm geht es hier.

Zum ROC Toolkit 1.0 geht es hier.

 

Wie gelingt Integration? – Ein Forschungsbericht

Flüchtlingspolitik erfordert belastbares Wissen über die Lebenslagen von Geflüchteten. Die Sicht der Betroffenen kommt dabei meist zu kurz. Um das Asylsystem zu verbessern und passende Maßnahmen zur Förderung von Integration und sozialer Teilhabe zu entwickeln, ist die Perspektive der Geflüchteten jedoch entscheidend.
In der Studie „Wie gelingt Integration? – Asylsuchende über ihre Lebenslagen und Teilhabeperspektiven in Deutschland“ vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration werden die Sichtweisen und Erwartungen Geflüchteter in Bezug auf ihren Wohnort, Zugang zu Arbeit und (Aus-)Bildung, Perspektiven und sozialer Teilhabe analysiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet.

In den 62 qualitativen Interviews, die im Frühjahr 2017 mit Geflüchteten mit unsicherem Aufenthaltsstatus geführt worden sind, zeigt sich, dass fast alle Neuankömmlinge möglichst sofort arbeiten wollen, gleichzeitig jedoch der Wunsch nach Qualifizierung besteht. Die schnelle finanzielle Unabhängigkeit steht somit im Spannungsfeld mit klassischen Weiter- bzw. Ausbildungsprogrammen. „Um dieses Spannungsfeld aufzulösen, braucht es flexible Strukturen. Die Maßnahmen, die den Zugang zu Arbeit, Ausbildung und gesellschaftlicher Teilhabe insgesamt fördern, müssen zu den individuellen Lebenslagen der Flüchtlinge passen. Sonst greifen sie nicht.“ so Dr. Jan Schneider, der Leiter des SVR-Forschungsbereichs, in einer Pressemitteilung vom 23.November 2017. Denkbar wären modulare Angebote und Teilzeitvarianten.

Neben flexiblen Strukturen und passgenauen Maßnahmen für den Zugang zu Bildung und dem Arbeitsmarkt, so zeigt die Studie, sind auch persönliche Begegnungen und zwischenmenschliche Kontakte von zentraler Bedeutung für Integration und Teilhabe. Ein allgemeines Klima der Offenheit und nicht „flüchtlingsspezifische“ Integrationsprogramme seien wichtig, um eine stärkere Einbindung von Geflüchteten in bestehende Gemeindeleben zu erzielen.

Dass Geflüchtete an ihren Wohnorten wirklich ankommen und bleiben, liegt auch in der Verantwortung der Städte und Kommunen. Neben indirekten Maßnahmen struktureller Integration wie Förderung des Spracherwerbs und kultureller Teilhabe sollten abgelegene Gemeinschaftsunterkünfte sozialräumlich inklusiven Unterbringungsformen weichen, seit Jahren eines der Kernanliegen von Home not Shelter! Ein partizipatives Gestalten von Flüchtlingsunterkünften sichert die Bedürfnisbefriedigung und beugt Konflikte mit Anwohnern vor. Wenn die Bedingungen stimmen, können Geflüchtete auch jenseits der großen Städte heimisch werden. Bei ihrer Ankunft, so zeigen die Interviews, stehen Geflüchteten auch kleineren Kommunen offen gegenüber. Rasche und umfangreiche Investitionen in sozialen Wohnungsbau, sowohl für Ansässige als auch für Geflüchtete sind notwendig.

Dr. Schneider empfiehlt außerdem, die rechtlichen Rahmenbedingungen den Erfordernissen anzupassen: „Deutschland sollte den Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte (…) wiedereinführen und die Aufenthaltssituation der Flüchtlinge schneller klären.“ Durch den Bundestagsbeschluss vom 1. Februar 2018, bleibt der Familiennachzug nach Deutschland zu Flüchtlingen mit eingeschränktem Schutzstatus jedoch bis zur Schaffung einer neuen Regelung im August 2018 weiterhin ausgesetzt. Die künftige Regelung soll dann einen gestaffelten Nachzug aus humanitären Gründen ermöglichen. Anstatt die Asylverfahren zu beschleunigen muss demnach weiterhin mit erheblichen Belastungen der Behörden und Gerichte gerechnet werden, diese werden zu klären haben, ob den Betroffenen Geflüchteten nicht der „volle“ Flüchtlingsstatus zu erteilen ist und in welchen Fällen „humanitäre Gründe“ oder gar Härtefälle vorliegen.
Aufklärung über den Ablauf und Stand des Asylverfahrens sowie über Teilhabeoptionen macht Flüchtlinge nach wie vor handlungsfähig, diese Fähigkeit gilt es laut Schneider zu erhalten und zu fördern.

Welche Wege letztlich zu gesellschaftlicher Teilhabe führen ist nicht verallgemeinerbar, denn den einen Geflüchteten gibt es nicht. Flexible Strukturen und anpassbare Angebote sind deshalb umso wichtiger – auch im integrativen Wohnungsbau.

Zur Studie geht es hier.

Zur Pressemitteilung vom 23. November 2017 geht es hier.

Zu den Ergebnissen des Bundestagsbeschlusses vom 1. Februar 2018, Thema Familiennachzug, geht es hier.

Ergebnisse des „2018 AIA COTE Top Ten for students: INNOVATION 2030“ Design-Ideen-Wettbewerbs

Das American Institute of Architects Committee on the Environment (AIA COTE) hat in Zusammenarbeit mit der Association of Collegiate Schools of Architecture (ACSA) und Architecture 2030 die Gewinner des diesjährigen Design-Ideen-Wettbewerbs für Studierende ausgezeichnet. Der Wettbewerb würdigt zehn außergewöhnliche Architekturprojekte, die sich darauf konzentrieren, Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels durch kreativ-innovative Integration von Designstrategien anzugehen und dabei Themen wie Integration, Gemeinwesen, Energie- und Wasserverbrauch berücksichtigen.

Aus der Perspektive von Home not Shelter! besonders interessant ist  das anspruchsvolle Siegerprojekt „INTERCONNECT: Connecting Paths, Connecting Programs, Connecting People“, das den Integrationsprozess für eine wachsende Flüchtlingsbevölkerung in der spanischen Stadt Madrid durch das Flüchtlingsintegrationszentrum Interconnect auf der Plaza de las Descalzas unterstützen soll.

Im Zentrum der Fußgängerzone, die insgesamt acht Straßen und fünf öffentliche Plätze miteinander verbindet, soll das Flüchtlingsintegrationszentrum auf dem Gelände eines verlassenen Bankgebäudes öffentliche Räume unter anderem mit einem historischen Kloster, einer Galerie/ Veranstaltungsfläche und einem modernen Einkaufszentrum teilen.

Interconnect ist ein Konzept, das auf seinen unmittelbaren städtischen Kontext reagiert, Anschlussfähigkeit an das bestehende Netzwerk von Fußgängerwegen in der Innenstadt herstellt und durch dessen Erweiterung zusätzlichen öffentlichen Raum zur Stärkung sozialer Interaktion im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung schafft.

Das 5143m2 große Zentrum soll zudem dringend benötigten Raum für Integrationsprogramme bereitstellen. Durch die Gestaltung eines Community Media Centers, einer interkulturellen Galerie, eines Cafés und einem Flüchtlingsdienstzentrum mit Rechts-, Berufs- Finanz- und Kinderbetreuungsdiensten, soll Geflüchteten sowie BügerInnen Zugang zu Information und Technologie gewährleistet und das Zusammentreffen verschiedener Kulturen ermöglicht werden.

Bis in die kleinsten Details ist das Integrationszentrum so konzipiert, dass es aktiv eine Verbindung zur Außenwelt herstellt: eine Reihe von Terrassen und großen Fensteröffnungen ermöglichen einen Blick auf die Stadt und laden gleichzeitig zum Verweilen im Inneren ein. Durch die Kontrolle von Tageslicht, Wind und Thermiken schafft das städtische Ökosystem außerdem Voraussetzungen für einheimische Fauna und begünstigt eine angenehme Atmosphäre.

„Wege verbinden, Programme verbinden, Menschen verbinden“ – Interconnect koppelt ökologische Stadtentwicklung an soziale Dimensionen. Ein Siegerkonzept, das zum Umdenken anregt.

Alle Ergebnisse und Pläne zum Konzept gibt es hier.

Studierende: Harrison Polk & Madison Polk

Universität: Clemson University